Köln, Dresden, Paris – Eine Seismographie

Christian Ernst Weißgerber

Abstract


Die Reaktionen auf die Anschläge vom 13. November in Paris sind symptomatisch für die derzeitige zum Zerbersten gespannte Situation in Europa: dreimonatiger Ausnahmezustand in Frankreich plus x, weitere Verwischung der Unterschiede zwischen Terrorist*innen, Islam und Geflüchteten, vorübergehend ansteigende Wahlergebnisse der rechtsextremen Front National. Es kriselt im Sous-terrain der politischen Landschaft in Frankreich und längst hat sich das Rumoren über den Aufstieg einer neuen Rechten in Europa in Ausbrüchen von Gewalt und Ausgrenzung Bahn geschlagen.

Auch hierzulande entlädt sich die derzeitige Atmosphäre der Anspannung spürbar in Ausbrüchen zügelloser Ungehaltenheit – Zeichen eines ressentimentgeladenen Klimas. Nach den Ereignissen der Silvesternacht in Köln und ihrer medialen Aufarbeitung glauben nicht wenige in Deutschland so etwas wie den ersten ‚Terroranschlag von Flüchtlingsislamisten auf deutschem Boden‘ erkennen zu können. Je suis Köln! zieht sich als unausgesprochene Solidaritätsbekundung durch jede Zeile, in der die sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen* sowie der Raub ihrer Würde und Wertgegenstände für eine Hetzkampagne gegen Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund benutzt wird. Nicht, dass es auch organisiertes Verbrechen von ‚Nicht-Deutschen‘ gibt, sollte uns überraschen, sondern wie selten wir uns die Frage stellen, ob dies in einem direkten Kausalverhältnis zu Asylbestimmungen und den materiellen oder sozialen Grundlagen liegt, die eben diesen Menschen in Good Old Germany geboten werden. Dies wäre zumindest mal eine willkommene Abwechslung zu all den kultur- und ethnozentristischen Psychologisierungsversuchen der ‚Flüchtlinge‘, ‚Migranten‘, ‚Anderen‘, ‚Fremden‘, kurz den als nicht-deutsch Wahrgenommenen, im Gegensatz zu Vorzeige-Integrierten wie Xavier Naidoo oder Attila Hildmann. Erst wenn man im deutschen bildungsbürgerlichen Establishment angekommen ist und selbst über Facebook oder Lautsprecherwagen eine informierte Meinung darüber verbreitet, was alles schief läuft im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten, ist die Integration zum Sozialisations-Deutschen abgeschlossen – aber bio-deutsch ist eben doch nochmal was anderes...[2] Für diese Form der Dämonisierung Anderer als pseudo-politisches Programm steht seit nun bereits über einem Jahr emblematisch das Elbflorenz mit seiner ersten wutbürgerlichen -gida-Assoziation. Und fast möchte man meinen in diesen Städten die Epizentren der derzeitigen politischen Erschütterungen in Europa zu erkennen. Von Leitmedien sowie sozialen Netzwerken und ihrer digitale Mund-zu-Mund-Propaganda erfasst, bewertet, disseminiert und in ihren Ausmaßen als Großbeben der politischen Landschaft in toto eingestuft.


[1] Daniel Schneider hat auf seiner Facebook-Seite eine gelungene ideologie-kritische Analyse von Attila Hildmanns Kommentar zur derzeitigen politischen Situation vorgelegt, die sich in Anhang I ungekürzt findet. https://www.facebook.com/danielschneider1989/posts/867601746699938, letzter Zugriff 19.01.2015.


Schlagworte


Rechtsextremismus; Radikalisierung; Deradikalisierung; Demokratie

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