Die Stasi und Neonazis in der DDR

Dr. Bernd Wagner

Abstract


Nazis in der DDR waren eigentlich undenkbar. Dass es sie dennoch gab, ließ sich in den 80er Jahren nicht mehr verheimlichen, obwohl SED und Stasi alles versuchten, neonazistische Gewalttaten zu vertuschen oder als Rowdytum zu verharmlosen. Mit Neonazis aus dem Westen wurde vom MfS sogar kooperiert, berichtet der Extremismusexperte Bernd Wagner.

Nazis in der DDR? Eigentlich undenkbar, wenn es der Propaganda der SED nach ging. Sie definierte die DDR als „antifaschistischen Staat“ und hob hervor, Nazismus „mit Stumpf und Stiel ausgerottet“ zu haben. Doch schon lange haben Rechtsextremismusforscher, wie der Berliner Historiker Harry Waibel nachgewiesen, dass es durch die Geschichte der DDR hindurch rechtsradikale Tendenzen gab. Sie wurden durch Aktionen von Gruppen und Einzeltätern sichtbar, die sich verdeckt oder offen zum Nationalsozialismus bekannten und Naziideologie verbreiteten, sei es durch Hakenkreuzschmierereien, selbstgefertigte Flugblätter oder Sprechchöre bei Konzerten oder Fußballspielen.  Auch wurde immer wieder rassistische Gewalt gegen Ausländer in der DDR gerichtet, ebenso wie gegen Menschen, die aus Nazisicht als „undeutsch“ galten. Dazu gehörten Punks ebenso wie Homosexuelle oder Menschen, die als Linke verortet wurden.

Auch Altnazis gab es in der DDR. Im Jahr 1954, so eine Berechnung des Historikers Jan Foitzik, waren 27 Prozent aller Mitglieder der DDR-Regierungspartei zuvor in der NSDAP und 32,2 Prozent aller Angestellten im Öffentlichen Dienst der DDR ehemalige Mitglieder nationalsozialistischer Organisationen.


Schlagworte


Rechtsextremismus

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Literaturhinweise


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