Auf dem Weg zu einem diagnostisch-therapeutischen Netzwerk Extremismus (DNE) Grundlagen für und Einblicke in ein Modellprojekt des Zentrum Demokratische Kultur

Kerstin Sischka

Abstract


Das Spektrum der Aktivitäten mit dem Ziel einer Deradikalisierung und einer Unterstützung des Ausstiegs aus rechtsextremen oder militant-salafistischen Gruppen und Organisationen wird gegenwärtig in der Bundesrepublik ausgeweitet. Bereits seit einigen Jahren haben bundesweite Förderprogramme, wie das XENOS-Sonderprogramm Ausstieg zum Einstieg (AzE), die BMFSFJ-Programme Vielfalt tut gut (Vtg), Toleranz fördern – Kompetenz stärken, aber auch die Initiative Demokratie stärken (DS)  dazu einen Beitrag geleistet. Die ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur gGmbH hat im Kontext einiger dieser Programme verschiedene Modellprojekte durchgeführt: Seitenwechsel – Ausstieg als Einstieg in ein neues Leben (AzE), Familien stärken gegen Gewalt und Extremismus (Vtg), Arbeitsstelle Islamismus und Ultranationalismus (DS) – und über deren Arbeit im JEX regelmäßig berichtet. Seit 2012 ist die Gesellschaft mit ihrer Familienberatungsstelle Hayat zudem Teil des BAMF-Beratungsnetzwerkes Radikalisierung.

In diesem Artikel soll nun ein neu beginnendes Modellprojekt vorgestellt werden, in dessen Rahmen ein Diagnostisch-therapeutisches Netzwerk Extremismus (DNE) entsteht. Das DNE wird durch das 2015 neu aufgelegte Programm Demokratie leben! gefördert und hat eine Laufzeit bis Ende 2019. DNE reagiert auf den psychologischen Interventionsbedarf, der aus der Verstrickung von Individuen, Familien oder Gruppen in Radikalisierungsprozesse herrührt. Eines der Ziele des DNE ist es, durch die Einbeziehung diagnostisch-therapeutischer und supervisorischer Kompetenz in konfliktbeladenen Sozialräumen, einen Beitrag zur Entspannung eskalativer Dynamiken und zur Deradikalisierung zu leisten. DNE unterstützt die Familienberatungsstelle HAYAT und die Aussteigerinitiative EXIT Deutschland sowie deren Partner der Deradikalisierungsarbeit praktisch in der Fallbetreuung, sofern ein besonderer psychologischer Bedarf sichtbar wird oder sich schwierige Situationen ergeben, in denen auch für die Fachkräfte Halt und Unterstützung durch das Netzwerk erforderlich sind. Die Möglichkeiten und Ressourcen, die ein solches Netzwerk bieten kann, sollen im Zentrum dieses Artikels stehen.

In einem ersten Schritt soll die Idee eines solchen diagnostisch-therapeutischen Netzwerkes aber in die Fachdebatte zu Deradikalisierung und Ausstiegshilfen eingebunden werden, denn hier wurde in Vergangenheit oftmals eher implizit als explizit auf die psychologischen und psychotherapeutischen Herausforderungen dieses Arbeitsfeldes eingegangen. Es ist lohnenswert, die psychosozialen Aspekte der Fachdebatte einmal etwas genauer zu beleuchten und mit theoretischen Überlegungen zu psychischen Veränderungen bzw. Identitätsveränderungen in Verbindung zu bringen.


Schlagworte


Rechtsextremismus; Islamismus; Radikalisierung; Deradikalisierung;

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