Zurück aus dem „Kalifat“

Claudia Dantschke, Michail Logvinov, Julia Berczyk, Alma Fathi, Tabea Fischer

Abstract


Am 28. September 2017 veröffentlichte das Internetportal der Tageszeitung Die Zeit ein Video, in dem die aus Deutschland stammende Nadja Ramadan die Bundeskanzlerin Angela Merkel anfleht, ihr und ihren beiden Kindern bei der Rückkehr nach Deutschland zu helfen.[1]

Die 31-jährige Ramadan hatte drei Jahre zuvor Deutschland in Richtung „Kalifat“ des sogenannten Islamischen Staates verlassen. Zurück ließ sie, nach Angaben der Zeit, drei Kinder aus erster Ehe. Im Juni 2017 war ihr mit ihren beiden im „Kalifat“ geborenen Kleinstkindern dank Schmugglern die Flucht aus Raqqa, der Hauptstadt des „Kalifats“, gelungen. Sie schaffte es jedoch nicht, wie gehofft, in die Türkei, sondern wurde von syrischen Kurdengruppen festgenommen und im Ain-Issa-Camp in Nordsyrien interniert. Dort traf sie der Zeit-Journalist Wolfgang Bauer. Der Fotograf Andy Spyra, der den Journalisten begleitet hatte, drehte ein Video, in dem Ramadan die Situation im Lager als unerträglich beschreibt. „Meine Kinder sind dauernd krank, mein Sohn braucht eine psychologische Behandlung“[2], erklärt Ramadan, während sie im Arm ihr zweites Kind, einen schlafenden Säugling hält. Ihr älterer Sohn, der zweieinhalbjährige Nuh, stehe unter Schock, wie dieZeitschreibt: „Er hat das Sprechen wieder verlernt, geifert nur, brüllt, zieht und zerrt an seiner Mutter. Er ist traumatisiert durch die Bombenangriffe, die er im Kriegsgebiet miterleben musste.“[3]

Nadja Ramadan wolle mit beiden Kindern zurück nach Deutschland, damit diese ganz normal aufwachsen können wie alle Kinder, erklärt sie in ihrer Videobotschaft. Wohl wissend, dass sie sich einer Terrororganisation angeschlossen hatte, betont sie vehement, dass sie keine Terroristin sei und man vor ihr auch keine Angst haben müsse. Sie habe einen Fehler gemacht und sei hergekommen (ins „Kalifat“).

In seinem Artikel beschreibt der Journalist Wolfgang Bauer seine eigene Ambivalenz zwischen Mitleid mit Nadja Ramadan und ihren Kindern und der Angst vor ihr, denn schließlich wisse er durch den Verlust von Freunden und Bekannten, zu welchen Verbrechen der IS fähig war und ist. Am Ende seines Artikels stellt er deshalb die Fragen, um die es in diesem Beitrag auch gehen soll: „Was tun mit ihnen? Sie sind deutsche Staatsbürger. Sie haben sich in Deutschland radikalisiert, nicht in Syrien. Soll man ihnen die Staatsbürgerschaft aberkennen? Sie in Deutschland ins Gefängnis sperren, wo sie womöglich noch weitere Insassen als IS-Veteranen radikalisieren könnten?“[4]

Wir möchten uns aber nicht nur auf die Erwachsenen konzentrieren, sondern primär ihre Kinder in den Mittelpunkt stellen, wie den kleinen Nuh. Sie sind im doppelten Sinne Opfer – einerseits sind sie Opfer ihrer Eltern, die sie in ein Kriegsgebiet zu einer salafistisch-jihadistischen Terrororganisation gebracht oder dort geboren haben und andererseits sind sie Opfer der lokalen Umstände und eines menschenverachtenden Systems, in dem sie aufwachsen mussten. Das Wohl dieser Kinder ist also in vielerlei Hinsicht gefährdet. 


[1]Wolfgang Bauer (28.09.2017): Nadja Ramadan – Hilferuf an die Kanzlerin, in: Zeit online, URL: www.zeit.de/gesellschaft/2017-09/nadja-ramadan-angela-merkel-islamischer-staat-syrien-videobotschaft, zuletzt aufgerufen am 09.03.2018.

[2]Nadja Ramadan: „Bitte, ich brauche Ihre Hilfe“, Video-URL: www.zeit.de/video/2017-09/5590309997001/islamischer-staat-bitte-ich-brauche-ihre-hilfe, zuletzt aufgerufen am 09.03.2018.

[3]a.a.O. Zeit, 28.09.2017.

[4]Ebenda.


Schlagworte


Rechtsextremismus; Islamismus; Linksextremismus; Freiheitsfeindlichkeit, Radikalisierung; Deradikalisierung; Demokratie, demokratische Kultur, Grundrechte

Volltext:

PDF


edition widerschein